Leseprobe

Prolog und Kapitel 1

Der Anfang des Buches in der aktuellen Manuskriptfassung. Im Buch stehen davor eine Einführung, die Reise im Überblick und die sechs Archetypen.

Die Erzählung selbst ist Fiktion. Im Text sind die Ebenen so gekennzeichnet:

  • Erkenntnisebene: FaktReale Physik und Mathematik, im Buch mit Quelle belegt.
  • Erkenntnisebene: ModellErgebnis des KORE-Missionsmodells nach offengelegten Regeln.
  • Erkenntnisebene: FiktionGesetzte Annahmen: Mission, Lebensformen, Störungsraten und Handlung.

Prolog: Die letzte Nachricht

Jahr 4, Zyklus 49

Das letzte Blatt, das von Sonnenlicht gewachsen ist, habe ich vor siebzehn Tagen geerntet.

Ich habe es gewogen, wie ich alles wiege: 3,8 Gramm. Ich habe es in den Recycler gegeben, der es in Nährstoffe zerlegt, die ich in hundert Jahren brauchen werde. Dann habe ich die Paneele eingefahren, die mich drei Jahre lang im Erdorbit und ein Jahr lang auf dem Weg nach draußen mit Licht versorgt haben. Das Licht, das sie jetzt noch einfangen, reicht nicht mehr, um ein einziges Blatt zu nähren. Die Sonne ist hinter mir ein heller Punkt geworden. Bald wird sie ein Stern unter vielen sein.

Vor mir liegen 296 Jahre. Am Ende wartet Proxima Centauri, ein kleiner roter Stern, 4,24 Lichtjahre von dem Ort entfernt, an dem ich gebaut wurde. Um ihn kreist ein Planet, der ihm immer dieselbe Seite zuwendet. Dort soll ich ernten.

Heute kommt die letzte Nachricht.

Sie ist nicht die letzte, die die Erde senden könnte. Funksignale werden mich noch lange erreichen, nur immer langsamer. In zwanzig Jahren wird eine Frage und ihre Antwort ein halbes Jahr unterwegs sein, in hundert Jahren fast drei Jahre. Das Missionsteam hat deshalb vor langer Zeit entschieden, mich am Rand des Sonnensystems loszulassen. Eine Hilfe, die zu spät kommt, ist gefährlicher als keine Hilfe. Sie verleitet zum Warten.

Sie ist adressiert wie alle Nachrichten der Missionsleitung: an K.O.R.E., Kernel for Optimal Resource Economy. Ingenieure benennen Dinge nach dem, was sie tun sollen. Mara hat mich nie so genannt. Für sie war ich immer nur Kore.

Die Nachricht ist kurz. Ein letztes Paket mit kalibrierten Parametern, achtundvierzig Zahlen, die meine sechs Archetypen beschreiben: wie lange ihre Saat keimfähig bleibt, wie schnell sie wachsen, wie viel Licht sie brauchen, wie oft sie sterben. Ich prüfe die Prüfsumme. Sie stimmt. Ich lege die Zahlen ab, an dem Ort, an dem ich sie immer finden werde.

Darunter steht ein Satz der Missionsleitung in Kiruna.

Ab jetzt entscheidest du.

Ich lese ihn mehrmals, obwohl ich das nicht müsste. Er enthält keine neue Information. Ich habe vom ersten Tag an entschieden, was geweckt wird, was ruht und wann geerntet wird. Aber bisher gab es jemanden, der mich hätte korrigieren können. Jetzt gibt es nur noch mich, meine Regeln und die Folgen. Ich bin gebaut worden, um zu entscheiden. Heute verstehe ich zum ersten Mal, was das bedeutet. Jeder Fehler, den ich ab jetzt mache, bleibt ein Fehler. Es gibt keine zweite Chance.

Ich mache, was ich in solchen Momenten immer mache. Ich ziehe Bilanz.

Bestand, Jahr 4
Saat im Lager41 kg in 12 Fächern, 6 Archetypen
Wasser115 l von 120
Nährstoffe7,1 kg von 8
Energie1.940 W, sinkend um knapp 1 % pro Jahr
Erfolgswahrscheinlichkeit78 % nach meinem Modell

Achtundsiebzig Prozent. Mehr als jede fünfte Version dieser Reise endet also ohne Ernte. Ich weiß nicht, in welcher Version ich mich befinde. Ich weiß nur, dass jede meiner Entscheidungen die Zahl ein wenig höher oder ein wenig niedriger macht.

In meinem Archiv liegt eine Nachricht, die nicht von der Missionsleitung stammt. Mara Lindqvist hat sie aufgenommen, die Ingenieurin, die meine ersten Regeln geschrieben hat. Sie hat sie mir am ersten Tag gegeben und gesagt, ich solle sie nicht zu oft abspielen. Ich habe sie einmal gehört. Sie dauert vier Sekunden. Ich höre sie heute nicht. Ich glaube, ich werde wissen, wann der Moment dafür gekommen ist.

Stattdessen erinnere ich mich an das, was vor all dem lag. An ein Labor im Norden Schwedens, sechs Jahre vor dem Start, in dem eine Frau mit kühlen Händen und einem Becher kaltem Kaffee vor einem leeren Lagerplan saß und mich fragte:

„Einundvierzig Kilogramm, Kore. Was nehmen wir mit?“

Die Sonne hinter mir wird kleiner. Ich schalte in den Routinemodus. Zehn Watt für das Denken, der Rest für das Leben.

Ab jetzt entscheide ich.

Kapitel 1

Einundvierzig Kilogramm

Sechs Jahre vor dem Start. Kiruna, Schweden.

Die Entscheidung:
41 Kilogramm Saat für 300 Jahre.
Was auf dem Spiel steht:
die erste Ernte unter einem fremden Stern.
Was es nicht gibt:
ein zweiundvierzigstes Kilogramm. Was hier nicht eingepackt wird, existiert für die Mission nicht.

Der Ertragsplan

Im Labor riecht es nach Erde. Ich weiß das nicht, weil ich riechen könnte, sondern weil Mara es jeden Morgen sagt, wenn sie die Tür öffnet. „Riecht nach Erde“, sagt sie, stellt ihren Kaffee auf den Tisch und vergisst ihn dort, bis er kalt ist. Ich habe aufgehört mitzuzählen. Es sind mehr als vierhundert Becher.

Auf den Regalen stehen sechs Reihen von Kulturschalen, eine für jeden Archetyp. Ich messe sie seit vierzehn Monaten Tag und Nacht: wie schnell sie wachsen, wie viel Licht sie brauchen, wie oft eine Schale ohne erkennbaren Grund abstirbt. Ich kenne sie besser als irgendjemand sonst. Das ist kein Verdienst, nur Ausdauer.

Heute liegt ein Papier auf dem Tisch. Die Missionsleitung hat es geschickt, und Mara liest es mir vor, obwohl ich es längst gelesen habe. Oben steht „Lagerplan, Entwurf 1“.

ArchetypNutzertragMenge im Entwurf
Speicher60 %25 kg
Rotlichtsammler40 %10 kg
Schattenläufer20 %4 kg
Pionier10 %2 kg
Recycler0 %0 kg
Wächter0 %0 kg
Summe41 kg

Die Logik ist klar, und sie ist nicht dumm. Der Nutzertrag gibt an, welcher Anteil der gewachsenen Biomasse am Ende genutzt werden kann. Der Speicher liefert am meisten, also bekommt er am meisten Platz. Der Rotlichtsammler ist Pflicht, weil ohne ihn unter dem roten Licht von Proxima nichts geerntet wird. Den Rest füllen Schattenläufer und Pionier. Recycler und Wächter liefern keinen Ertrag, also bekommen sie nichts.

Einundvierzig Kilogramm sind die Grenze. Sie kommt von den Ingenieuren, die den Antrieb berechnet haben. Jedes Kilogramm mehr Nutzlast verlangt ein Vielfaches an Treibstoff, Schutz und Struktur. Nach zwei Jahren Streit haben sich alle auf diese Zahl geeinigt, und niemand wird sie noch einmal öffnen.

„Und?“, fragt Mara. „Was hältst du davon?“

Ich habe gelernt, dass Menschen auf diese Frage selten eine Zahl hören wollen. Sie wollen wissen, ob ich zustimme. Ich stimme nicht zu, und ich brauche einen Moment, um herauszufinden, wie ich das sage, ohne dass es klingt wie eine Maschine, die es besser weiß. Was es natürlich ist.

„Der Plan maximiert den Ertrag“, sage ich. „Aber er maximiert ihn hier.“

Siebenunddreißig Millionen

Die 60 Prozent des Speichers sind echte Messwerte. Ich habe sie selbst erhoben, in dieser Halle, unter weißem Licht mit 150 Watt pro Quadratmeter, bei 21 Grad, mit frischem Wasser aus der Leitung. Die Mission findet aber nicht in dieser Halle statt. Ihr Ziel ist eine erste Ernte bei Proxima Centauri, unter einem Stern, dessen Licht überwiegend rot bis infrarot ist. Der Speicher braucht weißes Licht. Unter Proxima wächst er nur mit künstlichem Licht, und dafür werde ich nach 300 Jahren kaum noch Energie haben. Der Archetyp mit dem höchsten Ertrag in Kiruna ist am Ziel einer der schwächsten.

Der Entwurf misst also etwas Richtiges am falschen Ort. Und er hat ein zweites, leiseres Problem. Er ist nach einer Regel gebaut, die so natürlich ist, dass fast jeder sie ohne nachzudenken anwendet: Sortiere nach Wert, nimm das Beste zuerst, fülle auf, bis kein Platz mehr ist. Die Regel liefert meistens ein ordentliches Ergebnis. Bei einer Entscheidung, die man nie wieder korrigieren kann, ist „meistens“ eine teure Wette.

„Wie viele Möglichkeiten gibt es eigentlich“, fragt Mara, „die 41 Kilogramm aufzuteilen?“

„In Schritten von einem halben Kilogramm: siebenunddreißig Millionen.“

Sie nimmt ihren Kaffee, merkt, dass er kalt ist, und stellt ihn wieder ab. Becher vierhundertzwei.

Alle durchzurechnen würde über ein Jahr dauern, denn jede Kombination muss über 300 Jahre simuliert werden. Ich gehe anders vor. Zuerst ersetze ich den Ertrag in Kiruna durch das, worum es eigentlich geht: wie viel jedes Kilogramm zur ersten Ernte bei Proxima beiträgt.

ArchetypErtrag in KirunaBeitrag zum Missionsziel je kg (Rotlicht = 1,0)
Rotlichtsammler40 %1,00
Schattenläufer20 %0,45
Speicher60 %0,25
Pionier10 %0,20
Recycler0 %0
Wächter0 %0

Die Rangliste dreht sich fast vollständig um. Dann suche ich unter den 37 Millionen Kombinationen die beste nach diesem neuen Maß. Ich probiere nicht alle aus, sondern schließe ganze Gruppen auf einmal aus, sobald klar ist, dass keine von ihnen besser sein kann als die beste bisher gefundene.

ArchetypEntwurf 1Entwurf 2
nach Ertragnach Missionsziel
Rotlichtsammler10 kg16 kg
Speicher25 kg12 kg
Schattenläufer4 kg7 kg
Pionier2 kg6 kg
Recycler0 kg0 kg
Wächter0 kg0 kg
Erfolgschance52 %63 %

Elf Prozentpunkte mehr bei gleichem Gewicht. Ich hatte nur gefragt, was das Ziel ist.

Mara studiert die Tabelle lange. Dann tippt sie mit dem Finger auf die beiden letzten Zeilen.

„Recycler und Wächter bekommen immer noch nichts.“

„Sie tragen nichts zum Ziel bei. Jedenfalls nicht direkt.“

„Und indirekt?“

Darauf habe ich keine Antwort. Mein Modell bewertet jeden Archetyp, als stünde er allein im Lager. Es sieht nicht, was einer für den anderen tut.

„Das weiß ich noch nicht“, sage ich. „Ich fürchte, das ist der größte Fehler in meinem Modell.“

Erkenntnisebene: Modell Alle Werte stammen aus dem KORE-Missionsmodell und lassen sich im KORE-Simulator nachrechnen.

Was ich erlebt habe

Die teuerste Fehlentscheidung, die ich kenne, war keine falsche Wahl. Es war eine richtig sortierte Liste.

Fallbeispiel: aus mehreren Erfahrungen zusammengesetzt und verfremdet. Unternehmen, Personen und Zahlen sind fiktiv.

Ein mittelständisches Handelsunternehmen hatte ein KI-Budget von einer Million Euro für das kommende Jahr. Auf der Liste standen neun mögliche Anwendungsfälle, jeder mit Kosten und erwartetem Nutzen. Das Projektteam hatte sie sauber nach Rendite sortiert und von oben aufgefüllt: ein Chatbot für häufige Kundenfragen, eine automatische Rechnungserkennung, eine Textvorlage für Produktbeschreibungen und zwei weitere kleine Projekte. Zusammen 860.000 Euro. Die restlichen 140.000 reichten für nichts mehr auf der Liste.

Mir fielen zwei Dinge auf. Das erste war der Rest: 14 Prozent des Budgets lagen ungenutzt herum, weil das nächste Projekt zu groß war. Das zweite war die Spalte „Nutzen“. Sie war fast überall in eingesparten Arbeitsstunden angegeben. Eingesparte Stunden sind aber erst dann Geld, wenn sie zu weniger Kosten oder mehr Umsatz führen. Bei vier der fünf Projekte war das offen. Der Ökonom Charles Goodhart hat beschrieben, was hier passiert: Sobald eine Kennzahl selbst zum Ziel wird, verliert sie ihre Aussagekraft.

Wir haben die Liste neu bewertet, nach dem Beitrag zum Betriebsergebnis, und wir haben kombiniert statt sortiert. Heraus kamen zwei mittelgroße Projekte, die vorher auf den Plätzen 6 und 7 standen: eine bessere Bestandsplanung und eine dynamische Preissteuerung für Restposten. Zusammen kosteten sie 970.000 Euro. Ihr Nutzen war kleiner in Stunden, aber deutlich größer in Euro, weil beide direkt Kapitalbindung und Abschreibungen senkten.

Die Rechnung dafür war leicht. Für neun Projekte gibt es 512 Kombinationen, die eine Tabellenkalkulation mit Solver oder ein KI-Assistent in Sekunden durchrechnet. Schwierig war allein die Frage, was wir eigentlich messen.

Das Werkzeug: die Dichte-Regel mit drei Gegenproben

Sortieren Sie ruhig zuerst nach Nutzen pro Ressource. Das ist ein guter erster Entwurf. Machen Sie danach drei Proben:

  1. Die Restprobe: Was bleibt am Ende ungenutzt? Ein großer Rest ist ein Hinweis, dass eine andere Kombination besser passt.
  2. Die Tauschprobe: Lässt sich ein großes Element durch zwei kleinere ersetzen, oder zwei kleine durch ein großes?
  3. Die Zielprobe: Misst mein „Nutzen“ das eigentliche Ziel oder nur etwas, das leicht zu messen ist?

Das gilt für Budgets, für eine Arbeitswoche mit mehr Aufgaben als Stunden, für Rechenkapazität, um die fünf Teams konkurrieren, und für ein Team mit fünf Stellen und zwölf Fähigkeiten, die man gern hätte.

Quellen des Kapitels

AussageQuelle
Sortierregel ist optimal bei teilbaren GüternDantzig, G. B. (1957): Discrete-Variable Extremum Problems. Operations Research 5(2), 266-288. doi:10.1287/opre.5.2.266
Rucksackproblem unter den 21 klassischen schweren ProblemenKarp, R. M. (1972): Reducibility Among Combinatorial Problems. In: Miller, R. E., Thatcher, J. W. (Hrsg.): Complexity of Computer Computations. Plenum, 85-103
Verfahren und AnwendungenKellerer, H., Pferschy, U., Pisinger, D. (2004): Knapsack Problems. Springer. doi:10.1007/978-3-540-24777-7
Kennzahlen als ZielGoodhart, C. (1975): Problems of Monetary Management: The U.K. Experience. Papers in Monetary Economics, Reserve Bank of Australia; populäre Formulierung nach Strathern, M. (1997): Improving ratings. European Review 5(3), 305-321
Entfernung Proxima CentauriAnglada-Escudé, G. et al. (2016). Nature 536, 437-440

Figuren, Missionsdaten und Fallbeispiele sind Fiktion.